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Ein wachsendes Selbstvertrauen im Bullenmarkt

Geldanlage | 03.01.2021 | Autor: Felix Crombach

Overconfidence-Bias

Die Finanzbranche bedient sich gerne komplizierter englischer Begriffe, die mehr Kompetenz ausstrahlen, als es die deutschen Beschreibungen tun. Heute möchte ich auch eines verwenden, da es, wie ich finde, keinen passenden Begriff im Deutschen dazu gibt. Overconfidence-Bias beschreibt in der Verhaltensökonomie die Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten und Kompetenz. Erfolge im eigenen Handel werden eher den eigenen Fähigkeiten zugeschrieben als den äußeren Umständen. Das ist absolut menschlich und ich möchte das an dieser Stelle auch nicht negativ bewerten.

Es führt nur dazu, dass man gewisse Verhaltensweisen in der Aktienanlage beobachten kann. Wir erleben den wahrscheinlich längsten Bullenmarkt, den es seit Aufzeichnung gegeben hat. Genau genommen unterbrach der Corona-Crash diese Entwicklung, aber die meisten Indizes waren so schnell wieder auf neuen Allzeithochs, dass man es gar nicht bemerkt haben muss, wenn man nur ab und zu in sein Depot schaut. 

Die heutige Botschaft soll Demut sein. Demut an den Markt und an die eigenen Fähigkeiten. Jeder, der in den letzten 10 Jahren mit dem Investieren angefangen hat (eine breit gestreute Anlage vorausgesetzt), hat noch nie einen Bärenmarkt live miterlebt. Man konnte noch nie erfahren, wie es ist, wenn Kurse über einen längeren Zeitraum nicht steigen und einfach weiter fallen. Alle Rücksetzer, die kürzlich passierten, wirken eher lächerlich unbedeutend gegen eine Finanzkrise, wie wir sie 2008 erlebten.

Auf der einen Seite ist es natürlich sehr positiv, dass man mit seiner Anlage viel Geld bisher verdienen konnte. Es führt aber dazu, dass mit jedem weiteren positiven Jahr, die Erwartungen auch weiter steigen. Wir geben uns nicht mehr zufrieden mit einer Rendite von ein paar Prozent im Jahr. Es müssen schon 20% oder 30% sein, wenn man die Kursraketen wie Tesla oder andere Vertreter der Wasserstoff Unternehmen in den Vergleich setzt. 

In unserer Arbeit müssen wir leider auch erleben, dass sich ein Verständnis der breiten Streuung entwickelt hat, welches sehr ungesund und gefährlich ist. Eine breite Aktienstreuung über viele 100 Unternehmen hinweg bedeutet nicht, dass sich der Wert in einer Krise nicht mal eben halbieren kann. Dieses Risiko besteht immer. In meinen Gesprächen mit Anlegern höre ich immer wieder, dass dieses Risiko bewusst ist und man natürlich durch die Krise hinweg weiter zukauft. An dieser Stelle möchte ich wieder an Demut appellieren. Die Kurse sind in der Finanzkrise 2008 nicht einfach so um mehr als 50% gefallen. Sondern weil viele Marktteilnehmer emotional dazu genötigt wurden zu verkaufen oder keine Perspektive mehr sahen. Die Aussage, dass man in einem Crash einfach nachkauft, kann man leicht in einem Umfeld der Sicherheit treffen. Doch wie wird diese lauten, wenn um einen herum alles einzustürzen droht? Natürlich bricht die Wirtschaft nicht zusammen und natürlich geht es nach jeder Krise wieder weiter, doch in dem Moment der Krise fühlt es sich nicht nach Nachkaufen an.

Von dieser Schattenseite des Marktes werden wir abgelenkt. Abgelenkt von immer weiter steigenden Aktien in Zeiten des Aufschwungs. Solche Phasen gehören aber eben auch dazu. In den Phasen wie jetzt, in denen die grünen Zahlen im Depot immer größer werden, sollte man sich einen Plan machen für die Zeit, wenn es mal nicht so gut läuft. Wie sieht der eigene Liquiditätsplan aus? Stimmt mein Anlagezeitraum mit 7+ Jahren noch immer? Kann ich einen Rückgang um die Hälfte kurzfristig verkraften? 

Als abschließende Botschaft möchte noch ich folgende Gedanken anstoßen. Man braucht sich nicht ärgern, wenn man nicht von Anfang an in Big Tech oder in Wasserstoff investiert war. Man muss nicht jedem Trend hinterherrennen. Es ist in Ordnung, wenn das eigene breit gestreute Depot nicht so stark gestiegen ist wie der Nasdaq Index. Geldanlage ist ein Marathon, kein Sprint. 

Ihr
Felix Crombach